Es wird mal wieder Zeit für einen grundehrlichen Blogeintrag. Ich wollte hier eigentlich nichts negatives über unser Projekt schreiben, aber dann dachte ich, hey, das ist immerhin mein persönlicher Blog und nicht die Projektwebsite, also scheiss auf politische Korrektheit, ich muss jetzt mal ne Kanne voll loswerden.
Die Dorfbewohner gehen mir ja so auf den Senkel mit ihrer Vetterliwirtschaft!! Es ist kaum zu glauben. Man müsste doch meinen, die sollten froh sein dass wir hier sind und versuchen, was aufzuziehen, aber sie machen uns manchmal echt das Leben schwer. Also wir hatten ja die brilliante Idee, Lawrence ins Dorf zurückzuholen und quasi als Projektmanager einzustellen. Er ist einer von ihnen, hat aber gleichzeitig auch Stadterfahrung, spricht perfekt Englisch etc. etc. - siehe früheren Blogeintrag. Wie auch immer, wir sind ja hier nicht die Entscheidungsträger, sondern der Dorfrat. Also haben wir Rufus kontaktiert und ihm unseren Vorschlag vorgetragen. Er war stinkesauer. Er dachte, dass wir ihn ersetzen wollen, da er ja bisher das Bindeglied zwischen uns und dem Dorf ist, und der einzige, der einigermassen Englisch kann. Ich erklärte ihm lang und breit, dass das nicht der Fall ist, dass Lawrence nur die Exekutive wäre, und Rufus und der Dorfrat der Auftraggeber und Entscheidungsträger, und so weiter und so fort, und es gelang mir, ihn wieder zu beruhigen. Ich sagte, sprich du mit deinem Bruder oder andern Mitgliedern vom Dorfrat, und ich berate mich mit Aidan (ich war alleine zu dem Gespräch mit Rufus gegangen), und wir treffen uns am Montag wieder und diskutieren das aus. Am Montag waren Aidan und ich wie vereinbart um 12 Uhr bei Rufus Haus, aber von Rufus keine Spur. Gegen ein Uhr trudelten sein Bruder und zwei andere Mitglieder vom Dorfrat ein. Um zwei Uhr schickten sie einen Jungen los um Rufus zu suchen. Arrrgh. Einer unserer Punkte war gewesen, das alles immer so lange dauert und wir deswegen jemanden brauchen der rund um die Uhr an unserer Seite ist ... Eben. Also um halb drei kam der Mister endlich anspaziert, und schnauzte dann sein Dienstmädchen an weil wir in diesen zweieinhalb Stunden Wartezeit nicht mal Tee gekriegt haben. (Sehr witzig - es hatte nämlich weder Tee noch Milch im Haus, und auch kein Brot, also konnte uns das Dienstmädchen gar nichts servieren.)
Endlich konnte das Meeting beginnen. Rufus hatte die Herren bereits eingeweiht in unseren Plan, und wir repetierten nochmal kurz warum wir Lawrence wollen und wozu das alles gut ist. Dann ging die Fragerei los: der älteste der vier alten Knochen wollte wissen, warum wir jemanden von Auswärts holen, und nicht aus dem Dorf. Wir sagten, weil hier keiner recht Englisch kann. Und dann gings los mit Zeugs wie, ihr hättet zuerst den Dorfrat kontaktieren sollen (tun wir ja gerade?) und ihr solltet nicht einfach jemanden von Aussen einladen ohne das mit dem Dorfrat zu besprechen (wir haben Lawrence noch nicht kontaktiert mit diesem Vorschlag) und warum kann Rufus nicht diese Rolle übernehmen? Ööööhm ... weil er ein fauler Kerl ist und unzuverlässig und immer auf seinen eigenen Vorteil bedacht? Weil wir ihm nicht mehr trauen können? Weil wir glauben dass er nicht immer ganz korrekt übersetzt, und zwar bewusst? Aber das können wir alles nicht laut sagen. Also: weil wir jemanden junges brauchen, ein energetischer Typ, jemand der auch mit anpacken kann und hilf Häuser bauen und Teiche schaufeln und Steine schleppen, weil wir jemanden brauchen der 100% hier ist, und Rufus von Dienstag bis Freitag in Bulungula arbeitet. Aber das Credo war klar: Die Herren wollten Rufus für den Job, obwohl er - aus vielen Gründen! - dafür völlig ungeeignet ist. Als sie merkten dass das nicht drinliegt, sagten sie, sie werden jemand anderes finden. Lawrence wollen sie partout nicht, ich glaube, sie haben etwas gegen ihn, oder gegen seine Familie. Rufus sagte, sie können doch nicht einfach jemanden anstellen den sie nicht kennen und von dem sie nicht wissen wie er arbeitet oder ob er für den Job geeignet ist. Nicht kennen? Lawrence ist in diesem Dorf aufgewachsen! Und er ist ausserdem verwandt mit Rufus!! Der Sohn von seinem Cousin, wenn ich mich nicht irre. Oder von seinem Onkel. Wie auch immer. Als wir protestierten, meinte Rufus, ja aber ich habe den Jungen ja kaum gesehen, er hat gearbeitet nach der Schule. Ich lachte und dachte, na, das ist ja prima! Vielleicht sind sie deswegen so neidisch: weil da einer ist, der was tut und was kann, und was erreicht hat? Und ich konterte dann und sagte, ja aber wenn ihr jemanden anstellt, den IHR kennt, aber WIR nicht, und der dann rund um die Uhr mit UNS arbeitet, dann können wir der Person ja ebenfalls nicht trauen ...?? Aber eben. Schliesslich mussten wir klein beigeben und sagten, ok, bitte bringt vor den Dorfrat, dass wir jemanden brauchen der 100% für das Projekt arbeitet, und der perfekt Englisch kann. Und jetzt ... warten wir. Nächsten Montag ist wieder ein Meeting, aber ich bin sicher, bis dahin haben sie noch niemanden gefunden und noch nicht einmal das Dorf informiert oder ein Dorfrat-Meeting abgehalten. Wahrscheinlich wird das dann am Montag mal diskutiert, und dann vielleicht eine Woche später nochmal. Es wird hier so viel geredet, und so wenig getan, es ist echt zum Haare raufen. Das Projekt sollte für ALLE sein, für die ganze Dorfbevölkerung, und nicht hauptsächlich für Rufus und seinen Clan. Ich bin sicher, sie werden irgend einen Verwandten von Rufus für den Posten vorschlagen. Wir werden sehen. Und sonst bestehen wir halt einfach auf Lawrence! Ach, das wäre einfach ZU perfekt gewesen.
Tja jetzt seht ihr mal womit wir uns da täglich rumschlagen. Ich habe das Gefühl, dass das Dorf nicht ganz hinter uns steht, oder vielleicht ist es nur Rufus, der zwischen uns steht und den Weg blokiert, und wir können nicht direkt zu den Dörflern gelangen, weil wir kein Xhosa sprechen und sie kein Englisch. Sechs Monate sind wir schon hier und ich spreche noch immer nicht mehr als ein paar vereinzelte Sätze, weil wir ausserhalb vom Dorf wohnen, und weil es schwierig ist, eine so fremde Sprache zu lernen, wenn einem niemand Grammatik oder Regeln erklären kann. Und somit ist und bleibt die einzige Kontaktperson Rufus, der uns - nicht zum ersten Mal, muss ich sagen - in den Rücken fällt. Am Ende vom Gespräch waren die Herren dann ganz lieb und haben uns hübsch eingesalbt und gesagt, wir sind so froh dass ihr da seid und dieses Projekt aufzieht, weil ihr wisst wie man das macht und wir nicht, ihr wisst was am Besten ist und wann was getan werden muss, ihr seht all diese Dinge und wir nicht, und danke danke dass ihr da sein. Ich hätte beinahe laut gelacht und gesagt, ihr Dösel, ja wir sehen ganz genau was hier gebraucht wird, wir brauchen Lawrence! Aber eben. Politische Korrektheit und so weiter. Und wir nickten und lächelten. (just wave and smile boys, waaave and smiiiile ...)
Seit drei Tagen sind zwei Jungs aus Cape Town hier, Roland und Adrian, kaum 20 Jahre jung, die wir in Bulungula aufgelesen haben. Sie schlafen auf dem Hügel, in unserem eingezaeunten Sitzplatz, unter dem Sternenhimmel, und helfen uns ein bisschen beim Schaufeln und graben und bauen. Es tut gut, kräftige Männer hier zu haben!! Plötzlich wird mal wieder was getan, das ist super. Aidan liegt leider immer noch flach, sein Zustand war übers Wochenende besser, aber dann hat das Fieber wieder eingesetzt, und wenn es morgen immer noch nicht besser wird, dann müssen wir ihn wieder ins Spital schleppen, wahrscheinlich gefesselt und geknebelt, damit sie rausfinden können was los ist. Ich nehme an, irgend eine Infektion, so was ähnliches wie ich im Januar hatte (Niereninfektion). Also da Aidan den ganzen Tag im Bett verbringt, fällt es mir zu, die Jungs rumzudirigieren, und sie haben den Teich weiter ausgehoben, das Fundament für die Wände von der ersten Hütte ausgehoben, den Duschenboden aufgefüllt mit Erde, Wasser geschleppt, und Gras geschnitten dass es eine wahre Freude ist. Wenn wir, sagen wir mal, zehn Leute hier hätten, für eine Woche, dann könnten wir glatt zwei Hütten aus dem Boden stampfen!
So, das war jetzt ein langer Eintrag ... nach dem Meeting am Montag erzähl ich euch dann, wie es mit der Rufus-Lawrence Geschichte weiter ging. Einer der Jungs, Roland, hat heute gesagt, "es ist schon krass, was ihr alles für Stolpersteine im Weg habt. Nicht nur dass es eine Herausforderung ist, in einem Baumhaus in der Wildniss draussen zu leben, ohne anständige Läden in der Nähe, wo Nahrungsbeschaffung ein ziemlicher Krampf ist, aber dann noch das Theater mit den Dörflern, die Sprachbarriere, die Unsicherheiten, die finanziellen Probleme ... dass ihr das aushaltet!! Ich hätte die Kraft und den Willen nicht, so etwas durchzuziehen, und ich finde es echt bewundernswert." Hm. Ja das tut gut, das ab und zu mal zu hören ... :-) das gibt einem dann auch wieder den Mut, noch eine Weile weiter durchzuhalten.